Ambulante Landschaftsfotografie? Macht
man gute Fotos so nebenbei, sind gute Tierfotos irgendwie mehr wert als schöne
Bilder von Landschaften oder gar Pflanzen? Komische Fragen stellt der da, mögen
Sie denken, aber das Gegrüble hat einen Grund. Der Anruf eines NaturFoto-Lesers
veranlasste mich zum Nachdenken. Wir sollen doch wieder mehr Tierfotos drucken,
meinte er. Landschaften könne er sich auch in anderen Magazinen anschauen und
die mache ja eh jeder doch so nebenbei – ist doch keine Kunst! Naja, dachte ich
und erinnerte mich an ein Telefongespräch nur wenige Tage zuvor. NaturFoto, so
ein anderer Leser, gefällt mir wirklich gut! Für meinen Geschmack aber dürfte
Landschafts- und Makrofotografie durchaus einen viel höheren Stellenwert haben.
Ich schaue mir zwar gerne gute Tierbilder an, so der Leser weiter, aber zur Naturfotografie zählen für mich halt auch
Landschaften und kleine Details. Da steh ich nun als Redakteur und frage mich,
ob beide von der gleichen Zeitschrift reden. Dabei sind die Anrufe durchaus
repräsentativ und erreichen mich so oder ähnlich immer mal wieder. Jeder, dass
kann man daraus lernen, nimmt ein Magazin abhängig von den jeweiligen
Interessen anders war. Für mich ist das eine interessante Beobachtung.
Konsequenzen kann man daraus allerdings kaum ziehen, außer der vielleicht, dass
man es kaum jedem immer recht machen kann. Zurück zur eingangs gestellten
Frage, ob man gute Fotos, insbesondere von Landschaften, „nebenbei“ machen
kann, wie der erstzitierte Leser meinte. Das, da bin ich völlig sicher, kann
man nicht! Ein gutes Foto erfordert eine erhebliche kreative Leistung dessen,
der auf den Auslöser drückt. Von ein und demselben Motiv können daher schlechte
Fotografen schlechte und gute Fotografen atemberaubende Bilder machen – egal ob
das ein Tier, eine Pflanze oder eine Landschaft ist. Von guten Fotos –
unabhängig vom Sujet – lassen sich kreative Fotografen immer inspirieren. Der
Tierfotograf kann sich anhand von Landschaftsbildern mit der Wirkung von Licht
auseinandersetzen, der Landschaftsfotograf kann mit Gewinn eine grafisch
ansprechende Makrofotografie analysieren. Völlig themenunabhängig gilt, dass
„nebenbei“ gemachte Bilder meist auch genauso aussehen.
Fotografisch entschleunigen Wir
leben in einem ziemlich komplizierten Zeitalter. Bilder und andere
Informationen
strömen aus den unterschiedlichsten Kanälen auf uns ein: Fernsehen, Radio,
Tageszeitungen, Wochenmagazine und die enorme Vielfalt der Möglichkeiten, sich
Wissen oder Halbwissen über das Internet anzueignen, erwecken zwiespältige
Gefühle. Immer wieder
ertappe
ich mich dabei, mal hier, mal da im Internet zu klicken, durch Fernsehmagazine
zu zappen oder Artikel in Zeitschriften nur zu überfliegen. In der Flut wird es
schwer, das wirklich Wichtige zu erkennen. Auch in anderen Bereichen wird uns
viel abverlangt: Meist kryptische Bedienungsanleitungen von Kaffeemaschine,
Mikrowelle, Anrufbeantworter, MP3-Player, Smartphone und der neuesten Text-
oder Bildbearbeitungssoftware wollen entschlüsselt werden, weil die immer
komplizierter und mit immer mehr Funktionen überladenen Geräte und Programme
ansonsten kaum das tun, was sie sollen. Digitale Kameras und die entsprechende
Peripherie fügen sich nahtlos in dieses Szenario ein. Unterm Strich fehlt uns
an allen Ecken und Enden Zeit. Diese wird zum immer knapperen, immer
wertvolleren Gut. Viele sehen sich in einem immer schneller drehenden Strudel
aus Zeitnot, Stress und Anspannung. Fotografie hat einen durchaus
therapeutischen Effekt – vorausgesetzt man schafft es, sich wieder auf das
Wesentliche zu konzentrieren: das Finden von Motiven und das Gestalten von
Bildern über die Wahl des Ausschnittes, der Zeit und der Blende und zwar am
besten mit einer ganz, ganz einfachen Ausrüstung. Natürlich klaut die neue
Technik nicht nur Zeit, sie bringt auch Vorteile, die man nutzen soll oder
sogar muss. Ab und an aber ist es sinnvoll, zu entschleunigen, sich auf etwas
Bestimmtes zu konzentrieren und das nagende Gefühl, ständig etwas zu verpassen
oder die Angst in vielen Bereichen nicht mehr auf dem neuesten Stand zu sein,
zu verdrängen. Ein prima Werkzeug, um Fotografie mal wieder als das zu erfahren
was sie jenseits des dokumentierenden Mediums sein kann – ein kreatives
Ausdrucksmittel nämlich – ist für mich das Lensbaby, ein minimalistisches
Objektiv mit interessanten Möglichkeiten. Ich benutze die mittlerweile fast
schon antike, etwa 2004 erschienene Version dieses merkwürdigen „Objektivs“ und
freue mich immer wieder an der ungewöhnlichen von Bild zu Bild variierenden und
daher nicht reproduzierbaren Wirkung. Aber ganz egal ob Lensbaby oder
Leica-Linse, Fotografie bietet die Option, sich über die Konzentration auf
Motive aus dem Stress des Alltags auszuklinken – Meditation auf etwas andere
Art. Mir hilft’s und ich bin sicher, vielen anderen auch.
Subjektiv, nicht objektiv!
Vor
ein paar Tagen habe ich mir in einer stillen Stunde mal wieder eines der alten
Lehrbücher von Ansel Adams aus dem Regal genommen. Adams gilt vielen als einer
der herausragenden Landschaftsfotografen des 20. Jahrhunderts. Seine Fotografie
hatte erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Naturschutzes in den USA.
Die grandiosen Schwarzweißbilder unter anderem aus dem Yosemite-Nationalpark
vermitteln starke Emotionen und wie nur wenige verstand es Ansel Adams, eigene
Empfindungen über das subtile Spiel von Tonwerten und Graustufen anschaulich zu
machen. Der Aufwand den er dazu im Fotolabor betrieb, war beträchtlich und die
Beschreibung der einzelnen Bearbeitungsschritte, bis hin zum fertig
ausgearbeiteten Fotoabzug füllen beispielsweise in seinem Buch „Das Positiv“
nicht selten eine ganze Buchseite. Da wurde mehrfach partiell abgewedelt,
größere und manchmal winzige Bilddetails nachbelichtet. Er tat alles in seiner
Macht stehende, um die Wirkung des Bildes seinen Vorstellungen gemäß zu
optimieren, um dem Betrachter so möglichst viel von der Dramatik einer
Situation spüren zu lassen. Mit Dokumentation im engeren, vermeintlich
objektiven Sinne hatte das wenig zu tun. Nicht Realität, sondern subjektiver,
vom individuellen Empfinden bestimmte Subjektivität ist daher Gegenstand der
Aufnahmen.
Gleichwohl
gilt Ansel Adams auch heute noch vielen Naturfotografen – zu Recht – als
leuchtendes Vorbild und viele wandeln auf seinen Spuren und mit seinen Bildern
im Kopf durch die großen amerikanischen Nationalparks. Einige davon sind
dennoch schnell dabei, wenn es darum geht, moderne, sprich digitale, Techniken
der Kontrastbewältigung und Bildbearbeitung als Manipulation oder gar als
Betrug am Betrachter zu verdammen.
Ich
bin aber sicher, dass gerade Ansel Adams von den Möglichkeiten, welche die
digitale Dunkelkammer bietet, begeistert gewesen wäre. Insbesondere die
verschiedenen Methoden, die es gestatten, nahezu beliebig hohe Kontraste in
einem Foto abzubilden, wie etwa HDR, hätten ihm so manche Stunde mühsamer
Bastelarbeit im Labor erspart.
Naturfotografie
die etwas bewirken, die für die Sache begeistern möchte, funktioniert
letztendlich nur, wenn es gelingt, beim Betrachter Emotionen zu wecken und dazu
bedarf es eben mehr als eines so genannten „Fotodokuments“, welches – technisch
unzulänglich in Szene gesetzt – einfach nur zeigt, wie es am betreffenden Ort
aussieht. Dem Umgang mit Licht und Kontrasten kommt in diesem Zusammenhang –
besonders in der Landschaftsfotografie – eine entscheidende Bedeutung zu.
Zahmes Deutschland
Schon seit einiger Zeit
ist ein Trend zum „Wilden“ wahrzunehmen. In Büchern, Magazinen und
Fernsehsendungen werden die vermeintlich wilden Aspekte unserer Heimat gezeigt.
„Wildes Deutschland, Wildes Sachsen, Wildes Bayern – und demnächst vielleicht
Wildes Dortmund oder Wildes Hamm?“ Ziemlich fauler Zauber, finde ich angesichts
meiner fotografischen Erfahrungen, die ich in vielen Jahren in deutschen
Landschaften zwischen Ostsee und Bodensee sammeln konnte. Wild und unberührt
ist hierzulande so gut wie nichts mehr, aber dennoch oder gerade deshalb hat
unsere zahme, kultivierte und industrialisierte Landschaft ihren Reiz. Ohne
menschlichen Einfluss wäre der überwiegende Teil des Landes schließlich bewaldet
und damit recht einförmig. Erst die jungsteinzeitlichen Bauern und Viehzüchter
leiteten hier gravierende Veränderungen ein, sorgten durch Kultivierung der
Landschaft für erhebliche Abwechslung, schufen mit Weiden, Wiesen und durch
Beweidung in Wäldern neue Lebensräume und legten so auch die Grundlage für den
heutigen Artenreichtum. Später prägten Obst- und Weinbau viele Regionen. Und
mit der Industrialisierung ab dem 19. Jahrhundert folgten ein weitere, freilich
unter ökologischen Gesichtspunkten keineswegs nur positiv zu bewertende
menschliche Eingriffe in das Landschaftsbild. Fotografisch gibt es in alten wie
in neuen Kultur- und Industrielandschaften viel Spannendes, Irritierendes,
Schönes oder – selten – Bedrohliches zu entdecken. Langweilig aber wird es nie!
Fototherapie
Wir
leben in einem ziemlich komplizierten Zeitalter. Bilder und andere
Informationen
strömen aus den unterschiedlichsten Kanälen auf uns ein: Fernsehen, Radio,
Tageszeitungen, Wochenmagazine und die enorme Vielfalt der Möglichkeiten, sich
Wissen oder Halbwissen über das Internet anzueignen, erwecken zwiespältige
Gefühle. Immer wieder
ertappe
ich mich dabei, mal hier, mal da im Internet zu klicken, durch Fernsehmagazine
zu zappen oder Artikel in Zeitschriften nur zu überfliegen. In der Flut wird es
schwer, das wirklich Wichtige zu erkennen. Auch in anderen Bereichen wird uns
viel abverlangt: Meist kryptische Bedienungsanleitungen von Kaffeemaschine,
Mikrowelle, Anrufbeantworter, MP3-Player, Handy und der neuesten Text- oder
Bildverarbeitungssoftware wollen entschlüsselt werden, weil die immer
komplizierter und mit immer mehr Funktionen überladenen Geräte und Programme
ansonsten kaum das tun, was sie sollen. Digitale Kameras und die entsprechende
Peripherie fügen sich nahtlos in dieses Szenario ein. Unterm Strich fehlt uns
an allen Ecken und Enden Zeit. Zeit wird zum immer knapperen, immer
wertvolleren Gut. Viele sehen sich in einem immer schneller drehenden Strudel
aus Zeitnot, Stress und Anspannung. So geht es auch mir immer wieder und ich
entdeckte dabei schon vor längerer Zeit, welchen therapeutischen Effekt die
Fotografie haben kann – vorausgesetzt man schafft es, sich wieder auf das
Wesentliche zu konzentrieren: das Finden von Motiven und das Gestalten von
Bildern über die Wahl des Ausschnittes, der Zeit und der Blende und zwar am
besten mit einer ganz, ganz einfachen Ausrüstung. Natürlich klaut die neue
Technik nicht nur Zeit, sie bringt auch Vorteile, die man nutzen soll oder
sogar muss. Ab und an aber ist es sinnvoll, zu entschleunigen, sich auf etwas
Bestimmtes zu konzentrieren und das nagende Gefühl, ständig etwas zu verpassen
oder die Angst in vielen Bereichen nicht mehr auf dem neuesten Stand zu sein,
zu verdrängen. Meine Medizin ist da oft eine richtig große, schwere, gänzlich
unautomatische Mamiya RB67, mit der sich Rollfilm im Format 6 x 7 cm belichten
lässt. Aber ganz egal für welches Werkzeug man sich letztendlich entscheidet,
Fotografie bietet die Option, sich über die Konzentration auf Motive aus dem
Stress des Alltags auszuklinken – Meditation auf etwas andere Art. Mir hilft’s
und ich bin sicher, vielen anderen auch.
Wie
bemisst sich eigentlich der Wert eines Bildes? Nein, ich meine nicht den in
Cent und Euro, sondern den nicht konkret bezifferbaren, ideellen Wert. Was
macht ein Bild wertvoll? Ist es die Erinnerung, die man als Fotograf oder auch
als Betrachter damit verbindet, sind es die Mühen und vielleicht Gefahren unter
denen es entstanden ist, die den Wert steigern? Ist dann das vielleicht
atemberaubend schöne Landschaftsfoto, welches ganz entspannt vom Hotelfenster
oder vom Parkplatz aus gemacht wurde weniger wertvoll, als das vielleicht
weniger spektakulär erscheinende Bild, welches in einem entlegenen Gebirgstal
nach sechstündiger, schweißtreibender Wanderung entstand? Ist ein
eindringliches Porträt eines Orang Utans, welches im Gehege aufgenommen wurde,
weniger wert, als das weniger perfekte Bild eines freilebenden Affen im
Dickicht des Regenwaldes? Ist die fotografische, die kreative und
gestalterische Leistung des Fotografen weniger wichtig für den Wert eines
Bildes als die physische?
Es
sind viele Fragen, die sich mir in diesem Zusammenhang stellen und keine lässt
sich so einfach mit ja oder nein beantworten. Vielmehr gibt es jeweils mehrere,
individuell unterschiedliche, gleichwohl aber richtige Antworten.
Aus
Sicht des Fotografen kann der persönlich zugeordnete Wert eines Bildes durchaus
mit der physischen Anstrengung und den Erinnerungen korrelieren. Natürlich ist
es immer etwas besonderes, Tiere in freier Wildbahn zu fotografieren, ihnen
vielleicht sogar sehr nah zu sein, oder sie zumindest, wenn auch weit weg, so
festzuhalten, dass sie hinterher auf dem Bild noch erkennbar sind. Das können
durchaus gelungene Fotografien sein, die auch bei Betrachtern Staunen oder
Begeisterung auslösen. Aber selbst, wenn das nicht der Fall ist, sind die
Bilder für den Einzelnen oft von hohem Wert. Der unvoreingenommene Betrachter
hingegen, der die Begleitumstände der Aufnahme nicht kennt, wird an ein Bild
andere Maßstäbe anlegen. Für ihn ist ein Bild von Wert, das ihn anrührt,
bewegt, vielleicht auch Erinnerungen weckt. Er weiß in der Regel ja nicht, wie
das Bild entstand, ob einigermaßen entspannt oder gar unter Lebensgefahr. So
lange man als Amateur vor allem aus Spaß an der Freude und aus Liebe zur Natur
fotografiert, steht sicher die ganz individuelle Bewertung eines Bildes
einschließlich der damit verbundenen Erinnerungen im Vordergrund und so soll
das auch sein. Sobald man sich aber mit seinen Bildern in die Öffentlichkeit
wagt, zum Beispiel im Rahmen von Wettbewerben oder wenn man seine Aufnahmen
Verlagen oder Redaktionen anbietet, muss man zur Bewertung seiner Bilder auch
in die Rolle des unwissenden Betrachters schlüpfen und versuchen, Emotionen
auszublenden. Das freilich ist eine wirklich schwere Übung, denn Fotografie hat
halt doch sehr viel mit Gefühl zu tun. Man muss dann unterscheiden zwischen der
Bedeutung die ein Bild für einen selbst hat und der Relevanz für einen
neutralen Betrachter.
Egal
was man wo fotografiert, immer spielt das Licht eine entscheidende Rolle im
Zusammenhang mit der Wirkung des Bildes auf den Betrachter. Dabei ist es
keineswegs die schiere Quantität, sondern in erster Linie die Qualität, sprich
Farbe und Einfallswinkel, welche dem Licht und damit dem Bild seine Stimmung
verleihen. Das Erkennen und gezielte Suchen bestimmter Lichtsituationen, die
Fähigkeit, Lichtstimmungen durch situationsgerechte Steuerung der Belichtung,
das heißt häufig durch Korrekturen der Belichtungsautomatik, einzufangen, sind
daher wichtige Schlüsselqualifikationen eines guten Fotografen. Von besonderer
Bedeutung ist dieses „Gespür für Licht“ zweifellos in der
Landschaftsfotografie. Faszinierend ist es, die Metamorphose einer Landschaft
im Verlauf eines klaren, sonnigen Tages, vom kühlen, dumpfen Licht vor
Sonnenaufgang bis zur Blauen Stunde in der Abenddämmerung zu verfolgen. Besonders
dramatisch sind die ersten und letzten Minuten eines Tages im Gebirge, wo steil
aufragende Felswände als riesige Projektionsflächen frühes und spätes Licht
intensiv reflektieren. Es ist dabei in erster Linie das Licht selbst, welches Landschaften
– nicht nur im Gebirge – für kurze, unwiederbringliche Momente verzaubert.
Spektakuläre Lichtstimmungen einzufangen hat dabei durchaus etwas mit
Wahrscheinlichkeiten zu tun: Je öfter man draußen ist, um so größer wird die
Chance, faszinierende Lichtstimmungen zu erleben. Das Erlebte so einzufangen,
dass spätere Betrachter der Bilder es nachempfinden können, ist eine Kunst, die
den guten vom weniger guten Fotografen unterscheidet.
Nicht
wenige Tierfotografen blicken neidvoll nach Nordamerika oder Ostafrika. Große,
spektakuläre Säugetiere gibt es da. Ihre teilweise geringe Fluchtdistanz
erlaubt auch mit weniger langen Brennweiten, vorzeigbare Fotos. Bei uns
hingegen, im oft trüben, engen, zersiedelten Mitteleuropa ist man doch schon
froh, wenn gelegentlich mal ein Reh auf einem Acker steht oder man im Frühjahr
– jenseits der Reichweite selbst langer Teles – den Hasen bei der Hochzeit
zuschauen kann. Ist man als Tierfotograf hierzulande also praktisch gezwungen
auszuwandern? Natürlich nicht! Wer Säugetiere fotografieren möchte, findet hier
höchst interessante Motive: Reh, Hirsch, Dachs, Gämse, Murmeltier, Steinbock,
Fuchs, Steinmarder, Siebenschläfer, Hase, Kaninchen, Seehund, Kegelrobbe,
Hausmaus und Wanderratte – die Liste ließe sich noch erheblich verlängern!
Viele davon sind keineswegs selten, allerdings kostet es, sieht man einmal von
den Helgoländer Robben ab, oft etwas mehr Mühe, sie zu finden, als in den
großen afrikanischen Nationalparks. Dort sind Fotografen meist in mehr oder
weniger großen Gruppen unterwegs, hierzulande ist Tierfotografie ein eher
einsames Vergnügen, dazu sind die meisten Tiere einfach zu scheu. Auch gilt es,
Störungen zu minimieren, um Konflikte mit Bauern und Jagdpächtern zu vermeiden.
Gute Kontakte zu diesen aber sind oft unerlässlich, wenn es darum geht,
Möglichkeiten für Bilder, insbesondere des jagdbaren Wildes, auszuloten. Wem es
vor allem um das Fotografieren selbst geht, der findet auch in den zahlreichen
Wildparks und -gehegen gute Gelegenheiten, heimische Säuger ins Bild zu setzen.
Dass diese Art der Fotografie mitunter verpönt wird, ist nicht recht
nachvollziehbar. Auch wenn die Tiere leichter zugänglich sind, als in freier
Natur, so erfordert doch auch die Gehegefotografie ein erhebliches Maß an fotografischem
Können, um vorzeigbare Bilder zu machen.
Hobbys
dienen gemeinhin dazu, sich zu entspannen, vom Arbeitsstress abzulenken,
Abwechslung in ansonsten gleichförmige Alltage zu bringen, Neues kennen zu
lernen, Kreativität auszuleben. Fotografie kann eine Freizeitbeschäftigung
sein, die all das und vielleicht sogar ein bisschen mehr ermöglicht. Die
Betonung allerdings liegt auf dem „kann“. Hört man sich in einschlägigen
Amateur-Kreisen um, so erfährt man, dass viele gar nicht so entspannt mit ihrem
Hobby umgehen. Da geht es um Termine für Wettbewerbe, die man nicht verpassen
darf, um Erfolge, die man erzielen möchte, um Neid und Missgunst und um die
Schwierigkeit, technisch immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Bis vor
kurzem bereitete zudem der Wechsel von analog zu digital vielen schlaflose
Nächte, heute ist es oft der Zweifel, ob die eigene Digitalkamera noch gut
genug oder nach zwei, drei Jahren schon eher ein Fall fürs Museum ist: Soll ich
oder soll ich nicht das neueste Modell kaufen? Was, wenn ich den Anschluss
verpasse? Mit meinem alten Krempel kann ich doch keinen Blumentopf mehr
gewinnen! Für nicht wenige, so scheint es, entsteht in der Freizeit mehr Stress
als am Arbeitsplatz. Wie wäre es daher, mal einen Moment innezuhalten und darüber
nachzudenken, was man sich damit eigentlich antut, um dann beherzt auf die
Bremse zu treten. Digital oder analog, alte oder neue Kamera? – Egal, Hauptsache
das Bild ist gut! Wettbewerb und Leistungsdruck? In Maßen hilfreich, aber muss
man das in der Freizeit haben? Den Anschluss an die neueste technische
Entwicklung verpassen? Technik ist zweitrangig, Sehen und Gestalten können
dagegen entscheidend sein, und dabei ist es egal, ob Sie mit einer 50 Jahre
alten Rollfilmkamera oder dem neuesten Megapixelwunder unterwegs sind. Zur Info: Das nebenstehende Bild habe ich mit einer sieben Jahre alten digitalen 8 MP-Kompaktkamera, einer Samsung Digimax Pro 815, gemacht.
Licht in
allen Facetten ist die wohl bedeutendste Zutat eines jeden Fotos, das Malen mit
Licht daher die eigentliche Tätigkeit des Photo-Graphen. Die Qualität des
Lichts erkennen zu können und die Fähigkeit, sie sich für die beabsichtigte
Bildaussage zu Nutze zu machen, unterscheidet den guten vom weniger guten
Fotografen. Wem das Gespür für Licht fehlt, der wird vielleicht verzweifelt um die
halbe Welt reisen, immer im irrigen Glauben, dass die wirklich tollen Motive
nur auf anderen Kontinenten zu finden sind. Aber ohne dieses Licht-Gespür
bringt man auch aus Afrika, Asien oder Amerika meist, von einigen
Glücksschüssen abgesehen, nur wenige wirklich eindrucksvolle Bilder mit nach
Hause. Wer dagegen sensibel genug ist, Licht und seine erstaunlichen Wandlungen
im Tages- und Jahreslauf zu erkennen, entdeckt auch in vermeintlich
unspektakulären Landschaften Motive, die erstaunen, überraschen oder einfach
nur gut gefallen.
Scheinbar
Bekanntes in spannende Bilder zu verwandeln, in Bilder, die den einen staunen
lassen, den andern zu lautstarker Ablehnung provozieren, ist vielleicht eines
der anspruchsvollsten Ziele moderner Fotografie im Allgemeinen und der
Naturfotografie im Besonderen. „Alles ist doch schon tausendfach fotografiert
worden, es gibt nichts mehr zu fotografieren“ – solche Aussagen hört man immer
wieder und allein durch die penetrante Wiederholung werden sie auch nicht
richtiger. Natürlich gibt es bereits Millionen Bilder von Löwen, Rehen,
Orchideen, Seeadlern und vermutlich sogar von der unscheinbaren Schattenblume.
Es gibt Bilder, die sich nahezu (aber nie ganz) gleichen, die das Tier, die
Pflanze richtig belichtet, scharf und formatfüllend in Bestimmungsbuch-Qualität
eingefangen haben – solche Bilder polarisieren nicht, aber sie verraten auch
wenig über den Menschen, der sie gemacht hat. Bilder aber, die die Natur
weniger dokumentarisch, denn als individuelle und höchst subjektive
Interpretation zeigen, vermitteln, wie der Fotograf das Motiv sieht und
empfindet. Solche Bilder sind nicht austauschbar, sie erlauben es,
unverwechselbare Handschriften zu erkennen und in der kreativen
Auseinandersetzung mit dem Motiv erschließt der Fotograf dem Betrachter neue
Sehweisen. So kann auch das millionste Bild des Leberblümchens, des
Maiglöckchens oder der Ringelnatter dem Betrachter Neues verraten.
Was ist eigentlich Naturfotografie? Gibt es eine allgemein verbindliche
Definition dafür oder entzieht sie sich aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit nicht
ohnehin jedem Versuch einer formelhaften Beschreibung? Letzteres trifft wohl
eher zu, auch wenn gelegentlich Meinungen zu vernehmen sind, die einer streng
dokumentarischen, möglichst objektiven Darstellung der natürlichen Umwelt, der
Tiere und Pflanzen das Wort reden. Wie bezeichnet man aber dann Fotos, die
dieser strengen Auffassung nicht gerecht werden und wer hat warum die Autorität,
allgemein gültig gute von schlechter, richtige von falscher Naturfotografie zu
trennen. „So kann man das doch nicht fotografieren …“, ist ein in diesem
Zusammenhang öfter gehörter Ausspruch. Warum denn eigentlich nicht? Gibt es
Vorschriften, wie man Tiere, Pflanzen, Landschaften ins Bild bzw. ins „rechte
Licht“ setzen darf? Mir sind sie zumindest nicht bekannt und in Zeiten, in
denen sich sogar Behörden zumindest darum bemühen, den Wildwuchs von
Vorschriften und Verordnungen zu entrümpeln, besteht wenig Anlass, Vorschriften
zum korrekten Fotografieren der Küchenschelle, des Seeadlers oder der
Beutelmeise zu erlassen. Jeder fotografiere nach seiner Fasson und ebenso darf
sich jeder sein persönliches Urteil über alle Bilder, die er sieht, erlauben.
Niemand erwartet, dass jedem alles gefällt, aber wenn alle fotografisch
demselben Schema folgten, würde die Fotografie sich allenfalls aufgrund
wachsender fototechnischer Fortschritte entwickeln, in dem beispielsweise
Motive fotografierbar werden, die zuvor ohne Autofokus, Bildstabilisator oder
hochempfindlichem Sensor nicht fototografierbar waren. Kreative Experimente,
persönliche, subjektive Auffassungen und Interpretationen der Natur würden
nicht stattfinden und das wäre bedauerlich. Vielfalt macht das Leben spannend
und das gilt auch oder sogar besonders für die potenziell kreative
Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie. Toleranz für andere Auffassungen
sind ebenso wichtig wie kontroverse aber konstruktive Diskussionen.
Warum um
alles in der Welt setzen Fotografen Schmetterlinge und andere Insekten in den
Kühlschrank, besprühen sie mit „Tau“ und drapieren sie anschließend – klamm
und steifgefroren – wieder „fotogen“ auf Blüten? Was geht in Leuten vor, die
mit Geländewagen durch Schilfgürtel walzen, um dann bequem aus dem Auto heraus
Bilder von Rohrdommeln machen zu können? Was denken sich Fotografen, die sich
über die mürben Sandsteinklippen Helgolands abseilen, mitten hinein in die
sensible Kolonie der Tölpel, Lummen und Dreizehenmöwen? Man könnte die
Auflistung beliebig fortsetzen und fände dennoch keine vernünftige Erklärung.
Kein Naturfoto rechtfertigt einen Verstoß gegen Naturschutzvorschriften und was
da immer wieder zu beobachten ist, kann man eigentlich nur mit Wut und
verständnislosem Kopfschütteln quittieren. Wer seinen fotografischen Ehrgeiz
auf dem Rücken lebender Motive auslebt und glaubt, die um den Hals hängende
Profikamera sei die Rechtfertigung für hemmungslosen Naturfrevel, hat was
falsch verstanden. Besonders schlimm wird es, wenn entsprechende Bilder mit wunderschönen
Märchen über ihre Entstehung „verkauft“ werden, wie das leider auch immer
wieder in unserer Lesergalerie geschieht. Bedauerlicherweise erkennen wir nicht
immer, wenn geschummelt wurde. Es ist sicher nur eine winzige Minderheit, die
meint, dem fotografischen Erfolg auf unredliche Weise auf die Sprünge helfen zu
müssen – die aber beeinträchtigen den Ruf der Naturfotografen in der
Öffentlichkeit in hohem Maße. Respekt vor und Liebe zur Natur, der Anspruch
Naturschutz zu unterstützen und – warum auch nicht – sich künstlerisch mit
Natur auseinanderzusetzen, sind die wichtigsten Beweggründe vieler
Naturfotografen. Übersteigerter Ehrgeiz hat da glücklicherweise nur selten
Platz. Natur ist zudem in der Regel so interessant und vielseitig, dass gute
Bilder überall auch ohne die genannten Fehltritte möglich sind.