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Ein Wald voller Geheimnisse

Meine erste Reise in den Taï-Nationalpark

Regenwälder faszinieren mich seit meiner Kindheit. Lange Zeit waren es nur Bilder und Berichte von Forschern und Entdeckern, die meine Fantasie beflügelten und eine starke Sehnsucht nach dieser „Grünen Hölle“ entstehen ließ. Später konnte ich dann auf mehreren Reisen Fantasie mit der Realität abgleichen und wo in solchen Fällen oft Enttäuschung folgt, wuchs bei mir die Begeisterung für dieses dampfend feuchte, dunkle grüne, vor Leben überschäumende Paradies. Verschiedene Gründe sorgten dafür, dass ich in den letzten Jahren dann mehr in Deutschland und den Nachbarländern unterwegs war. Schließlich aber nahm das Verlangen überhand. 

Ich wollte wieder in den Regenwald. Doch in welchen? Ich listete einige Kriterien auf. So sollte die Landessprache Englisch oder Französisch sein, denn da ich alleine reisen wollte, ist problemlose Verständigung mit Einheimischen unerlässlich. Ein möglichst kurzer Flug sowie eine allenfalls geringe Zeitverschiebung wären wünschenswert, um die Zeit vor Ort optimal nutzen zu können. 

Das Ziel: der Taï-Nationalpark

So rückte Westafrika ins Blickfeld und hier insbesondere der ivorische Taï-Nationalpark, der einschließlich angrenzender Schutzgebiete mit rund 5.500 Quadratkilometern größte verbliebene Regenwaldrest in der Region. Schon die ersten Recherchen brachten vielversprechende Aspekte zutage. Der Park ist Heimat einer stabilen Population von Schimpansen, die seit rund 40 Jahren beforscht werden. Eine Gruppe ist habituiert, das heißt an Menschen gewöhnt und kann besucht werden. Betreut wird das Forschungsprojekt vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig unter Leitung von Prof. Christophe Boesch, einem der weltweit renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet. Schnell war mir klar: Da muss ich hin! Stellte sich nur die Frage nach dem „Wie“. Der Taï-Wald liegt an der liberianischen Grenze im Südwesten der Côte d’Ivoire. Abidjan und damit der internationale Flughafen des Landes hingegen befindet sich im Osten, rund 700 Kilometer entfernt. Öffentliche Verkehrsmittel beschränken sich im Wesentlichen auf klapprige kleine bis mittelgroße Busse und waren aufgrund des beträchtlichen Zeitaufwands und meines aufgrund der Fotoausrüstung umfangreichen Gepäcks keine realistische Option. Allein mit dem Mietwagen dorthin zu fahren ist auch nicht ratsam. Die zuweilen unorthodoxe Verkehrsführung und Ausschilderung überfordert den ans Navigationsgerät und große Schilder gewöhnten Westeuropäer. Zudem sorgen gelegentliche Straßensperren durch Polizei oder Militär für Verunsicherung. Ich benötigte also neben einem Auto auch einen Fahrer. Beides zusammen kann man direkt in Abidjan buchen. Verschiedene lokale Anbieter vermieten die erforderlichen Geländewagen jeweils mit Fahrer. Auch deutsche Reiseveranstalter können das organisieren. Für mich hat das Ivory Tours übernommen und dabei gleich noch die Übernachtungen für die erforderlichen Zwischenstopps sowie die Buchung der Lodge im Nationalpark einschließlich der Führer vor Ort organisiert.

Erst mal Stau

Nein, das ist kein Parkplatz, sondern die Hauptstraße vom Félix-Houphouët-Boigny International Airport ins Zentrum von Abidjan zur abendlichen Rush Hour. Ganz normaler Wahnsinn…

Das Abenteuer beginnt mit einem Stau. Nach rund sechsstündigem Flug von Brüssel quer über die Sahara lande ich am frühen Abend am Félix-Houphouët-Boigny International Airport in Abidjan. Sory, der Fahrer sowie Sylvain, der Verwalter des am Rande des Nationalparks, in Djouroutu gelegenen Ecotel Touraco nehmen mich in Empfang und bugsieren mich gleich zum Auto. Die ersten zwei Kilometer geht’s auf mehrspuriger Straße zügig voran, doch dann verwandelt sich die Stadtautobahn ins Zentrum Abidjans in einen chaotischen Parkplatz. Ungeachtet der eigentlich vorgeschriebenen Fahrtrichtung versucht jeder auf irgendeiner der sechs Spuren voranzukommen. Schon bald herrscht Stillstand. Mopeds, Fahrräder und Fußgänger schlängeln sich zwischen PKWs und Lastwagen hindurch, gelegentliches Hupen übertönt das über der Szenerie wabernde Stimmengewirr. Irgendwann kommt wieder Bewegung in das Chaos und nach rund zwei Stunden löst sich das Blech-Ensemble schließlich auf. Kurz später erreichen wir ein kleines Motel am Stadtrand. 

Eigentlich zu schade, um nur mal eben durchzureisen. Die Küste bei San Pedro im Südwesten der Côte d’Ivoire bietet alles, was man für einen entspannten Badeurlaub haben möchte – aber ich wollte ja lieber im dunklen Wald schwitzen…

Früh am nächsten Morgen setzen wir dann unsere Fahrt fort. Laut Karte wäre die Küstenstraße die kürzeste Verbindung nach San Pedro, die große Hafenstadt im Westen des Landes. Sory weiß allerdings, dass die in einem fürchterlichen Zustand ist und wählt stattdessen den Weg durchs Landesinnere über Toumodi, Gagnoa und Soubré. Nach rund acht Stunden Fahrt erreichen wir am späten Nachmittag San Pedro, wo wir im Palm Rock Beach, einem unter deutscher Leitung stehenden Hotel, direkt am traumhaften Strand eine weitere Nacht verbringen. 

200 Kilometer Piste

Pech gehabt. Wir waren mit einem normalen PKW auf der Piste von San Pedro nach Djouroutou unterwegs. In der Trockenzeit eigentlich machbar – leider hatte es dann einige Tage lang doch heftig geregnet und hier war dann erst mal Endstation. Zahlreiche helfende Hände halfen uns aber aus der misslichen Lage und so konnten wir kurz darauf die Fahrt dann ohne weitere Probleme fortsetzen.

Kurz nach Sonnenaufgang sind wir wieder unterwegs. Es sind nur gut 200 Kilometer bis zu unserem Ziel, dem Ecotel Touraco. Die aber führen über eine von zahlreichen Palmöl oder Tropenholz transportierenden Lastwagen ziemlich malträtierte Piste, die zur jetzt, im Februar, während der Trockenzeit schon nicht leicht zu befahren ist, zur Regenzeit aber zuweilen selbst für Allradfahrzeuge unpassierbar wird. Rund acht Stunden sind wir unterwegs – durch eine Landschaft, die noch vor wenigen Jahrzehnten von dichtem Regenwald geprägt war.

Die »Zielgerade« zum Taï-Nationalpark. Links und rechts der schmalen Piste ragen teilweise verkohlte Stümpfe einstiger Urwaldriesen in den Himmel. Statt Regenwald finden sich hier am Rand des Nationalparks vor allem Kakao-Plantagen.

Heute überragen nur noch vereinzelte, einsame Urwaldriesen oder auch ihre verkohlten Skelette riesige Palmöl-, Kautschuk-, Kakao- oder Kokos-Plantagen. Unterbrochen werden die Pflanzungen nur von kleinen, ärmlich anmutenden Ansiedlungen. Schließlich biegen wir von der »Hauptstraße« ab. Die holprige Piste ist nun nicht mehr viel breiter als das Auto, doch bald taucht der Wald im Blickfeld auf. Noch ein paar hundert Meter und wir kommen auf einer Lichtung zum Stehen. 

Angekommen

Etwa zehn dieser auf einer Lichtung inmittend es Waldes stehenden Häuschen machen das Ecotel Touraco aus. Wasser kommt im großen Kanister täglich frisch aus dem nahen Fluss. Strom gibt's (meistens) über eine Solaranlage.

Aussteigen, strecken – und lauschen. Zwar dröhnen die Ohren zunächst noch vom steten Gerumpel während der langen Fahrt, aber nach und nach gewinnt der Wald die Oberhand. Ein leichter Wind lässt die Bäume rauschen, Vögel zwitschern, Zikaden schrillen, das Summen andere Insekten erfüllt die Luft.

Zum Ecotel Touraco, meiner Bleibe für die kommenden Wochen, sind es von hier aus noch rund zehn Minuten Fußmarsch durch den Wald. Samson, ein stämmiger Kerl und Mitarbeiter des Ecotels bemächtig sich meines Koffers, ich schultere den Fotorucksack und bald erreichen wir die weite Lichtung auf der sich etwa zehn runde Bungalows und das Gemeinschaftshaus verteilen. Schnell richte ich mich ein, packe die Klamotten in die Regale, wechsle die Kleidung und finde mich am Gemeinschaftshaus ein. 

Sylvain, der langjährige Verwalter des Ecotels spricht neben Französisch auch ganz gut Englisch und verfügt über ein immenses Wissen über die Tiere und Pflanzen des Nationalparks.

Sylvain, der Verwalter der Anlage, hatte mir schon während der Fahrt einiges über den Nationalpark, über die Schimpansen und die Möglichkeiten, den Wald zu erkunden erzählt. Nun vor Ort wollen wir das Vorgehen für die kommenden Tage genauer besprechen. Er beschreibt mir das einfache Camp im Wald, dem Ausgangspunkt für Touren zu den Schimpansen oder auch zum Inselberg Mont Niénokué. „Sag mir einfach, was Du wann unternehmen möchtest und ich kümmere mich um die Guides.“ So einfach geht das …

Früh morgens, kurz vor Sonnenaufgang fliegen mehrere Riesenturakos in die Bäume ein, die das Ecotel umgeben.

Nach der langen Anfahrt gönne ich mir für den kommenden Tag ein wenig Ruhe und erkunde den Wald in unmittelbarer Nähe des Ecotel. »Zum Sonnenaufgang solltest Du Dir den großen Baum am Eingang der Lichtung anschauen – dort fliegen die Turakos, denen das Hotel seinen Namen verdankt, zum Frühstück ein«, ließ Sylvain mich noch am Abend wissen. Natürlich steh’ ich am nächsten Morgen rechtzeitig vor Sonnenaufgang mit Stativ und Teleobjektiv unter dem besagten Baum und tatsächlich flattern schon nach wenigen Minuten drei, vier Riesenturakos ein. 

Im dichten Astgewirr sind sie zwar nur schwer auszumachen, aber immer wieder taucht ein Kopf auf oder das metallisch blaue Gefieder schimmert im frühen Morgenlicht matt zwischen den Blättern.

Zurück an meinem Bungalow entdecke ich dort, direkt am Waldrand eine Campbell-Meerkatze und einen Grünen Stummelaffen. Kein schlechter Start… 

Ein Grüner Stummelaffe.

Eine Campbell-Meerkatze.

Weberameisen betreuen ihre »Blattlausherde«

Nach dem Frühstück setze ich meine Entdeckungstour fort. Behutsam pirsche ich die Wege entlang und halte Ausschau nach den kleinen Tieren. Insekten sind schließlich die eigentlichen Herrscher des Regenwaldes und die Evolution hat sich allerhand einfallen lassen, um möglichst skurrile Geschöpfe hervorzubringen. Ich entdecke Gottesanbeterinnen, verschiedene Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken und eine Vielzahl unterschiedlicher Ameisen, darunter Weberameisen, die in den Büschen aus Blättern ihre Baue zusammennähen und Treiberameisen, die in endlosen Kolonnen über den Waldboden hetzen und dabei so ziemlich alles vertilgen, was nicht schnell genug die Flucht ergreifen kann. 

Wie relativ Zeitempfinden ist, merke ich erst, als es schon wieder dämmert.

Gottesanbeterin

Stachelspinne

Die vorerst letzte Nacht im komfortablen Bungalow des Ecotels. 

Dabei wollte ich doch noch in Ruhe meine Sachen packen, denn die folgenden Tage werde ich im Regenwald verbringen. Zwischendurch kehre ich nur für eine Nacht zurück, um die Kamera- und Lampen-Akkus zu laden, denn Strom gibt es dort im Wald ebenso wenig wie fließendes Wasser oder andere liebgewordene zivilisatorische Errungenschaften. 

Rein in den Wald…

Nach dem Frühstück schlüpfe ich in die Gummistiefel, schultere den Rucksack und begebe mich gemeinsam mit Samson und Sylvain hinunter zum Fluss. Dort liegen drei ramponierte Pirogen. Um in den Park zu gelangen muss ich über den hier rund 20 Meter breiten Fluss. Samson nimmt den Kahn mit den scheinbar wenigsten Lecks und bedeutet mir einzusteigen. Dank meines wasserdichten Fotorucksacks sehe ich dem was da kommen könnte einigermaßen entspannt entgegen. Kurz später stehen Sylvain und ich (noch) vollkommen trocken auf der anderen Flussseite und machen uns auf den Weg. Gut zwanzig Kilo auf dem Rücken, rund 30 Grad Celsius, die hohe Luftfeuchtigkeit und Sylvains flotter Schritt sorgen innerhalb kurzer Zeit für komplett durchgeschwitzte Klamotten. Es wird einige Tage dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe. Insbesondere das Fotografieren wird zum Geduldsspiel. Sobald ich die Kamera ans Auge nehme, beschlagen Sucher und Brille. Gut zwei Stunden laufen wir auf einem schmalen Pfad durch den Wald. Immer wieder halten wir an und Sylvain zeigt mir Lianen aus denen man Wasser trinken kann, verschiedene Heilpflanzen, turmhohe Würgefeigen und erzählt von den Problemen, die sich hier in den Randbereichen des Parks durch Wilderei ergeben. Die ist Hauptursache für die enorme Scheu vieler Tiere hier im Wald. Tatsächlich ist es überaus schwer, in diesem Teil des Parks beispielsweise Colobusaffen oder Meerkatzen zu beobachten. Meist hört man sie zwar, kann sie zuweilen hoch oben in den Kronen durchs Geäst huschen sehen, mehr aber nicht. 

Mehr Tiere kann man in der Umgebung des Dörfchens Taï beobachten, das rund 60 Kilometer nördlich des Ecotel liegt. Dort ist der Druck durch Wilderei erheblich geringer und es ist den Mitarbeitern der Wild Chimpanzee Foundation, die auch die Arbeit der Guides am Ecotel Touraco organisiert und finanziert, gelungen verschiedene Affenarten an Menschen zu gewöhnen. Allerdings gibt es dort eben keine Schimpansen zu sehen. Möchte man beides, so empfiehlt es sich also durchaus sowohl einige Tage im Ecotel in Djouroutou als auch in Taï zu verbringen. Ich allerdings wollte mich während dieser Reise auf die Schimpansen und die vom Mont Niénokué überragte Regenwaldlandschaft konzentrieren. 

Lianenwirrwarr auf dem Weg ins »Dschungelcamp«.

Meine Bleibe für den größten Teil der kommenden Wochen.

Ziemlich abgekämpft erreiche ich das Camp – ein paar von Wellblech bedeckte, auf Pfählen errichtete Plattformen, einige Zelte und eine überdachte Feuerstelle. Einige der Guides begrüßen mich freundlich. Ich richte mich häuslich ein und bin froh, die Gummistiefel gegen Badelatschen zu tauschen. 

Den Nachmittag über streife ich auf schmalen Pfaden durch den Wald. Oft setze ich mich einfach hin und lausche. Irgendwo bricht ein Trupp Westafrikanischer Stummelaffen lärmend durchs Astgewirr. Zikaden liefern einen ununterbrochenen Geräuschteppich, von dem sich immer wieder markante Vogelstimmen abheben. Es beginnt zu regnen und ich sauge diesen in der feuchten Luft besonders intensiven Duft des Urwaldes ein, bleibe stehen, rieche, höre, schmecke – für einen bekennenden Waldschrat wie mich, kann es kaum einen schöneren Ort geben.

Besuch bei der haarigen Verwandschaft

Wieder zurück im Camp, bespreche ich mit den Guides den morgigen Tag. Ziel sind die Schimpansen. Die Gruppe wird tagsüber von einem der Guides so lange begleitet, bis sie sich abends hoch oben in den Bäumen ihre Schlafnester bauen. Den Punkt speichert der Guide dann im GPS-Gerät und so ist klar, wo wir uns am nächsten Morgen einzufinden haben. Je nach dem, wie weit der Schlafplatz der Affen vom Camp entfernt ist, bedeutet es früh oder sehr früh aufzustehen. Im konkreten Fall hieß das Abmarsch um vier Uhr morgens. Um die Tiere nicht zu beunruhigen, ist es wichtig, bereits vor Sonnenaufgang und damit bevor sie aus ihren Nestern steigen, vor Ort zu sein.

Um 3:30 Uhr schreckt mich der Wecker aus den Träumen. Die Müdigkeit dämpft die gespannte Erwartung auf das, was da kommt. Erst mal gibt’s Frühstück: ein in der tropischen Schwüle zäh gewordenes Baguette und eine Tasse Nescafé muss reichen. Zur Wegzehrung packe ich ein weiteres Baguette und eine Dose Ölsardinen ein – und vier Liter Wasser. Viel trinken ist Pflicht in diesem Klima. Pünktlich um vier machen wir uns auf den Weg. Drei Guides sind mit von der Partie. Im Licht der Stirnlampen tasten wir uns durch den Wald – auf kürzestem Weg in Richtung des im GPS-Gerät gespeicherten Schlafplatzes. 

Früh morgens vor dem Aufbruch am Lagerfeuer.

GPS-Geräte sind unentbehrlich sowohl bei der Orientierung im Wald als auch bei der Begleitung der Schimpansen

In der Nähe der Schimpansen ist Mundschutz Pflicht. Die nahe Verwandschaft zwischen uns und den Menschenaffen sorgt dafür, dass diese für unsere Krankheiten empfänglich sind. Was für uns ein leichter Schnupfen ist, kann für Schimpansen zur lebensbedrohlichen Krankheit werden.

Kurz nach Sonnenaufgang, der an diesem Tag aber wegen Regens »ausfiel«, klettern die Schimpansen aus ihren Schlafnestern.

Nach gut einer Stunde sind wir da. Noch ist es stockdunkel doch bald schon zieht die Dämmerung herauf. Beim Blick nach oben zeichnen sich in ungefähr 20 Metern Höhe die rundlichen Schlafnester gegen den noch grauen Himmel ab. Es regnet leicht. Kevin, einer der Guides macht Notizen, protokolliert die Anzahl und Lage der Nester. Dann kommt Bewegung in die Schimpansengruppe. Erste zarte Rufe sind zu hören, einige der Affen verlassen ihre Schlafplätze und suchen sich in den benachbarten Bäumen ihr Frühstück. Andere recken das Hinterteil über den Nestrand und erleichtern sich. Mit einem vernehmbaren „Pfotsch“ schlägt dicht neben mir eine stattliche Portion Schimpansenkacke auf den Waldboden. Nochmal Glück gehabt. Die Rufe werden intensiver. Schimpansen unterhalten sich offenbar gerne laut. Irgendwann sind Morgentoilette und Frühstück abgeschlossen. Die Affen klettern aus den Bäumen zum Waldboden hinab. Kurze Zeit später trommelt der dominante Mann laut rufend auf eine Brettwurzel. Das Signal zum Aufbruch – auch für uns. 

Die großen Tiere bewegen sich oft fast lautlos und mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den Wald. Immer wieder aber verharren sie auch – mal nur für einen Augenblick, mal für eine längere Pause.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit und doch nahezu lautlos bewegen sich die großen Tiere durch den dichten Wald und wir versuchen, ihnen so gut es geht, auf den Fersen zu bleiben. Immer wieder verlieren wir sie aus dem Blick und sind froh, wenn von irgendwoher wieder ein Ruf zu hören ist, der uns die Richtung weist. Glücklicherweise legt die Horde von Zeit zu Zeit Pausen ein – mal nur für wenige Augenblicke, mal eine halbe Stunde oder länger. Zum Beispiel, um sich an schmackhaften Nüssen zu laben. Dann ist schon von weitem ein lautes Klopfen zu hören. 

Die Affen demonstrieren dann anschaulich, dass Werkzeuggebrauch beileibe kein menschliches Exklusivmerkmal ist. Die Taï-Schimpansen haben ihre ganz eigene Werkzeugkultur entwickelt. Sie nutzen unter anderem selbst gefertigte Angeln aus Zweigen, um Termiten und Ameisen aus den Bauen zu „fischen“ oder eben Steine, um die harten Schalen unterschiedlicher Nüsse zu knacken. Wenn sechs oder acht Tiere gleichzeitig arbeiten, klingt das mitunter, als wäre eine Handwerker-Kolonne im Wald unterwegs. 

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Schimpansen es zulassen, sie über den Tag zu verfolgen. Erscheint Ihnen einer der merkwürdig gekleideten, aber unbehaarten Affen suspekt, so kann es durchaus vorkommen, dass sie morgens nach dem Aufstehen klammheimlich im Wald verschwinden. Auch mir ist das einmal passiert. Einer der Guides hat dann die undankbare Aufgabe sie im Laufe des Tages wieder aufzustöbern. Für mich aber währte die Begegnung mit unserer haarigen Verwandtschaft dann nur kurz. Aber selbst diese Stunde während der man den Schimpansen bei ihren morgendlichen Aktivitäten zusehen und -hören kann, entschädigt für frühes Aufstehen und anstrengenden Anmarsch. 

Mit dem Stein knackt dieser Schimpanse die harten Nussschalen

Die Blätter einer bestimmten Pflanze werden gründlich mehrfach ausgekaut und dabei zu einer Art Kloß geformt.

Felsinsel im Regenwald

Nur wenige Kilometer vom Camp entfernt ragt ein gewaltiger, abgerundeter und an vielen Stellen kahler Granitklotz aus dem Regenwald. Der Mont Niénokoué ist 316 Meter hoch und überragt den umgebenden Regenwald um rund 170 Meter. Beste Voraussetzungen also für einen spektakulären Rundumblick. Was mich angesichts der Höhendifferenz bei einer Tour durch den Südschwarzwald oder in den Alpen eher einen entspannten Spaziergang erwarten ließe, erweist sich im feuchtheißen Regenwaldklima doch als ziemlich anstrengende Bergtour, zumal der Anstieg ziemlich steil und teilweise weglos über blanken Fels erfolgt. 

Nachdem ich den Berg bei einer ersten Tour nachmittags erkundet hatte, war mir klar, dass ich unbedingt früh morgens da noch einmal hinauf wollte und zwar dann, wenn es tags zuvor kräftig geregnet hatte. Obwohl ich im Februar, während der Trockenzeit dort war, musste ich nicht lange auf optimale Bedingungen warten, denn auch dann regnet es beinahe täglich. Früh um halb vier Uhr brachen Kevin, mein Guide, und ich auf und waren knapp zwei Stunden später knapp unterhalb des Gipfels angelangt. Noch war es stockdunkel, doch das änderte sich schnell. Im kühlen Licht der Morgendämmerung blickte ich auf das aufgrund der starken Niederschläge am Vortag erwartete Nebelmeer aus dem zunächst nur einige Baumriesen herausragten. Allmählich erhielt die Landschaft ausgeprägtere Konturen. Einzelne bewaldete Bergrücken tauchten auf, der Nebel wurde dünner, löste sich auf und gab den Blick frei auf ein atemberaubendes Mosaik unendlich vieler Grüntöne. Tief aus dem Wald drangen die verschiedensten Geräusche zu uns herauf: Das tiefe Grollen der scheuen Waldelefanten, die Rufe der Turakos, das Geschrei einer Horde Stummelaffen …

Kurz nach Sonnenaufgang lichtet sich der Nebel und gibt den Blick frei auf eine überwältigendes Mosaik unterschiedlicher Grüntöne.

Eine Woche später sitze ich wieder an meinem Schreibtisch im noch ziemlich winterlichen westfälischen Hamm – und beginne mit der Planung für die nächste Reise in den Taï-Nationalpark. 

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